Iwan Iljin / Dietrich Meinowski
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Iwan Alexandrowitsch Iljin (1883-1954) war ein russischer Philosoph, der 1922 wegen seiner Opposition gegen das kommunistische Regime aus der Sowjetunion ausgewiesen wurde. Er lebte bis 1938 in Deutschland, bevor er sich in der Schweiz, in der Nähe von Zürich, niederließ.Wer die Philosophie liebt - und ich wende mich gedanklich an die, die sie lieben -, hat sich wohl mehr als einmal gefragt: Woher kommt es, wie kommt es, dass es in der Philosophie so viele Differenzen, Meinungsverschiedenheiten, ungelöste Streitigkeiten, gegenseitige Leugnungen gibt? Wie kommt es, dass die Philosophie, die seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren existiert und sich selbst als ein höheres, besseres, unbedingt maßgebliches Wissen anerkennt, immer noch mit einem solchen Anspruch auf Größe und mit Unbestimmtheit in ihrem Wesen lebt? Wer sich mit ihr beschäftigt, kommt oft zu dem Schluss und zu der Überzeugung, dass gerade diese Fülle von Meinungsverschiedenheiten und fruchtlosen Auseinandersetzungen die philosophische Kreativität in den Dienst der persönlichen Willkür und des Ermessens stellt; dass das Philosophieren eine Sache des subjektiven Geschmacks, der persönlichen Neigung, der persönlichen Stimmung ist; dass jeder nach seinen eigenen Neigungen und Sympathien philosophiert und dass niemand das Recht hat, einen anderen in dieser Tätigkeit zu behindern: Denn es gibt ja keine allgemein verbindliche Wahrheit, oder, was (angeblich) dasselbe ist, sie ist nicht gefunden worden, oder jedenfalls noch nicht gefunden worden; aber selbst wenn sie plötzlich gefunden würde, diese einzige, allgemein verbindliche Wahrheit, die Wahrheit selbst, kann man ganz sicher sein, dass sie nicht auf allgemeine und volle Anerkennung stoßen würde. Und so bildet sich eine beruhigende Zuversicht, dass es in der Philosophie genug Sektierertum für unser Jahrhundert geben wird, dass der Strom der Streitigkeiten und subjektivistischen Konstruktionen sich nicht so bald erschöpfen wird, und dass es in diesem Wirrwarr der Meinungen, in diesem Strudel der Meinungsverschiedenheiten gelingen wird, den Weg zu einem „ursprünglichen' philosophischen System zu ebnen; denn, wie die Sophisten zu sagen pflegten, wahr ist, wovon man andere überzeugen kann...